Umzüge mit frustrierenden Grundzügen

13. Oktober 2016, Amélie S.

Bonjour à tous!

Seit drei Wochen bin ich nun in Aix-en-Provence (im Folgenden nur noch „Aix“ genannt), einem 140.000-Seelen-Städtchen (davon allein 40.000 Studenten!) im Departement Bouche du Rhône in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur (kurz PACA). Hier werden meine Kommilitoninnen und ich unser erstes Masterstudienjahr eines binationalen Studiengangs verbringen, bevor es nächstes Jahr im Herbst nach Tübingen geht.

So langsam hat sich der Alltag eingeschlichen, ich besuche seit drei Wochen die Kurse an der Uni, gehe zum Sport und erkunde die Stadt und auch ihr Nachtleben peu à peu. Als ich die Zusage für den Master bekam, war die Freude natürlich groß. Provence, Meer, Lavendelfelder, j’arrive! Aber zu dem Zeitpunkt konnte ich noch nicht ahnen, wie schnell die Euphorie der Frustration weichen sollte.

Umzüge mit frustrierenden Grundzügen

Erste Schritte

Das Angebot der Aix-Marseille Université, ein Appartement im Wohnheim zu beziehen, hatte ich direkt abgelehnt, da ich lieber in einer WG wohnen wollte, um einen besseren Zugang zum Leben in Aix zu bekommen. Ich stellte es mir nicht so schwer vor, ein Zimmer zu finden – bisher war mir das auch an verschiedensten Orten (Saarbrücken, Paris, Tbilissi) gelungen. Also begab ich mich auf die Suche. Das Internet war voll mit Angeboten von WG-Zimmern, Zimmern beim Besitzer, Studios und schicken Villen, in die man als WG einziehen konnte.

Ich schrieb Nachricht um Nachricht – aber egal, wie nett ich formulierte, es kamen wenige und wenn, dann negative Antworten zurück. Irgendwann war ich mir sicher, dass ich nichts bekommen würde. Kurz überlegte ich dann, tatsächlich für zwei bis drei Tage nach Aix zu fahren, um mir Zimmer anzugucken, wie ich es bei meinem Erasmusaufenthalt in Paris auch erfolgreich getan hatte. Nachdem ich jedoch die Preise für Züge und Unterkünfte sah, war der Gedanke schnell verflogen.

Für den August war bereits eine längere Reise geplant, und so verlagerte ich meine Suche auf einen späteren Zeitpunkt. Als ich wiederkam, hatte ich ein ziemlich schlechtes Gefühl, ich ahnte, dass die Suche doch nicht so einfach werden würde. Wäre ich besser mal in Zadar am Strand geblieben! Wieder verschickte ich meine so nett formulierten Nachrichten und wurde immer noch nicht fündig.

Umzüge mit frustrierenden Grundzügen

Frustration Vorort

Um meine Sachen vor Ort deponieren und in Ruhe suchen zu können, buchte ich schließlich ein Zimmer bei Airbnb für eine Woche. Der Tag des Umzugs kam schneller als gewollt. Nachdem wir meine wenigen (oder auch ein paar mehr) Habseligkeiten in die Airbnb-Wohnung geschleppt hatten, beschlossen mein Freund und ich, uns die Stadt anzusehen und einen Kaffee zu trinken. Bei schönstem Wetter flanierten wir durch die volle Innenstadt, die aus kleinen, süßen Gassen, mediterranen Plätzen, dem berühmten Cours Mirabeau und einer Menge Cafés und Restaurants besteht. Zu aller erst besorgte ich mir eine französische Simcard, um endlich mobil und telefonisch erreichbar zu sein und meinen potenziellen Vermietern besser und persönlicher auf den Zahn fühlen zu können.

Als mein Freund Sonntagmorgen wieder nach Deutschland fuhr, war ich plötzlich ganz allein und fühlte mich sehr einsam. Da war es gut, dass die Besitzerin der Wohnung sich etwas um mich kümmerte, mir selbst angebaute Tomaten und Äpfel oder ein Glas Wein anbot, erzählte, welcher Markt der günstigste ist und stets daran interessiert war, wie meine Suche lief. Durch Zufall entdeckte ich auf Facebook unter einem dieser verzweifelten Posts den Hinweis, dass man auf einer Seite Studentenappartements günstig und auch nur für kurze Zeit mieten konnte.

Schnell buchte ich ein solches Appartement für den Rest des Septembers und zog nach meiner ersten Woche in Aix schon wieder um. Zum Glück hatten wir da bereits ein erstes Informationstreffen an der Uni gehabt, sodass ich zwei Kommilitoninnen beim Umzug an meiner Seite hatte. Zudem hatte sich per Facebook der Kontakt zu vier Franzosen ergeben, mit denen ich nun nach einer Wohnung suchte, in der wir eine WG gründen konnten. Langsam schien es voranzugehen – dachte ich.

Umzüge mit frustrierenden Grundzügen

Hoffnungsvolle Enttäuschung

Gleich die erste Besichtigung war ein Volltreffer: vier in etwa gleich große Zimmer, ein großer Gemeinschaftsbereich, kleiner Balkon, zwei Bäder, offene Küche, am Stadtrand gelegen und in meinem Budget. Obwohl die Besitzerinnen noch dabei waren, es neu zu streichen und keine Möbel drinstanden, sah ich uns schon dort wohnen und mit Freunden auf dem kleinen Balkon ein Gläschen Wein trinken. Meine potenziellen  Mitbewohner waren leider nicht sehr flexibel, um Wohnungen zu besichtigen, und so war bei dieser Besichtigung nur einer der Franzosen dabei. Wir erzählten den anderen per Nachricht von der Wohnung, aber die Fotos und Erzählungen schienen noch keine Begeisterung auszulösen.

Nach ein paar Tagen schließlich konnte ich noch einen Termin ausmachen, um mit der Französin aus meiner Gruppe erneut hinzufahren. Der Termin war am Abend meines Umzugstages, und so saß ich zwischen all meinen Kartons und Taschen und führte gerade ein oberflächliches Gespräch mit meiner Zimmernachfolgerin in der Airbnb-Wohnung, als mich der Anruf der Besitzerin der Wohnung erreichte. Sie teilte mir mit, dass gerade jemand mit allen Unterlagen und dem Scheck mit der Kaution vorbeigekommen war und die Wohnung gemietet hatte. Ich war fassungslos und erreichte den Tiefpunkt meines erst so kurzen Aufenthalts. Die Realität holte mich mit einer Heftigkeit ein, die mich geradezu demotivierte und mir gleichzeitig die Lektion erteilte, beim nächsten Mal direkt zu reagieren und nicht auf andere zu warten.

Glück im Unglück

Nach einer weiteren Besichtigung, die weniger gut verlief, saß ich eines Tages bei der Koordinatorin unseres Studiengangs und sie fragte beiläufig, ob mit dem Wohnheim alles geklappt habe. Kleinlaut gab ich zu, dass ich dort kein Zimmer hatte haben wollen und noch auf der Suche war. Wie durch ein Wunder erzählte sie dann, dass zwei Appartements für zwei Studenten reserviert seien, die eigentlich unseren Master machen sollten, aber nicht in Aix aufgetaucht seien. Somit könne ich eins dieser Appartements beziehen.

Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen hatte, beschloss ich, das Angebot anzunehmen, um meiner frustrierenden und eh recht erfolglosen Suche endlich ein Ende zu setzen und mich auf mein Studium konzentrieren zu können. Dann ging alles sehr schnell. Ich erledigte einen Haufen Papierkram, schloss eine Haftpflichtversicherung ab, bezahlte die Miete für das erste Semester im Voraus und freute mich unendlich, meine Sachen auspacken und mich einrichten zu können. Und so zog ich ein drittes Mal um.

Umzüge mit frustrierenden Grundzügen

Nun wohne ich in diesem 17m²-Zimmer mit Küchenecke und eigenem Bad, Blick auf etwas Grün und tägliche Sonnenuntergänge. Ich bin sehr erleichtert, fühle mich wohl und denke kaum noch an die erste Zeit, die leider nicht vollends positiv für mich verlaufen war. Nur wenn ich am Haus der Airbnb-Wohnung vorbeikomme, schaue ich nach oben zu den Fenstern und denke an die nette Vermieterin, die es mir etwas leichter gemacht und mich auf ihre freundliche Art in Aix willkommen geheißen hat. Jetzt geht es richtig los, und ich bin gespannt auf die Zeit in Südfrankreich, die sicher noch einiges für mich bereithalten wird!

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